Tagebuch einer Zeitreise
Tag 5, Samstag 04. Juli
End's well, all's well
Früh des Morgens in Bad Zell - ein lyrischer Moment, Robert Heinzle beginnt vor dem Hintergrund des Dorfbiotops um halb sechs die Zelte abzubauen, er muss schließlich die „Tränke zum wilden Wikinger" beim Hexentreyben in Rechberg aufgebaut haben bevor der Markt öffnet. Nicht so tragisch, denn mit den ersten Sonnenstrahlen hatten sich die Fliegen für uns respektive unsere Gewandungen (wir hoffen zumindest es waren die Gewandungen) zu interessieren begonnen.
Nachdem wir jedoch aus dem provisorischen Lager keine nächtlichen Besucher hatten vertreiben müssen war alles gut gelaunt. Einen kleinen Morgenschlummer später waren dann alle frisch und munter auf den Beinen, oder zumindest auf dem Bein, Rabans beschädigter Fuß hatte durch das stehend spielen des Abends nicht gerade einen Heilungsprozess durchlaufen. Und das trotz Finjas heftiger ehelicher Anweisungen auf dem vorhandenen Sessel sitzend zu spielen. Half nichts. Guter Musiker, aber ein sturer Bock.
Frühstück - diesmal ohne den wilden Wikinger
Da Roland schon gen Rechberg und Aufbau losgezogen war, mussten wir zum Frühstück in ein Café ausweichen, das sich als äußerst gastlich erwies und zum allgemeinen Erstaunen mit allen Arten von Frühstück ausgestattet war, was Finja in ihrer gewohnt charmanten Art zu einem Seitenhieb auf die Landeshauptstadt nutze. Dort, so meinte sie, sei es im Stadtzentrum nahezu unmöglich ein solches Frühstück zu ergattern, da es nur zwei Quellen eines solchen gäbe und die seien überrannt. Von wegen Kulturhauptstadt.
Die letzten drei Hürden
Solchermaßen unterhalten und gefüttert erhoben wir uns also und begaben uns an das Gerät für die letzte Wegstrecke unserer Wanderung.
Drei Hürden lagen vor uns. Als erstes eine ordentliche Steigung von einem dreiviertel Kilometer Länge aus Bad Zell heraus. Dann würden wir nach einer Weile nach links in Richtung Naarntal abbiegen
und uns dem nächsten Hindernis, dem fast vier Kilometer langen Abstieg ins Tal, stellen
Dort würden wir entscheiden müssen ob wir den Aufstieg auf der jenseitigen Talseite nach Rechberg wagen würden, denn die Straße überwindet auf etwas mehr als drei Kilometern Länge 150 Höhenmeter ohne Gelegenheit zur Pause zu bieten. Ob unser Oskar das schaffen würde, würde sich auf Steigung Nummer eins, am Hedwingsbründl, zeigen.
All jene die sich hier an eine Himalaya-Expedition erinnert fühlen sei empfohlen diese Strecke einmal zu Fuß zu bewältigen - gewisse Parallelen drängen sich unversehens auf.
Batterien, Luft und moralischer Antrieb
Gesagt getan. Eine letzte Runde durch den Bad Zeller Uni-Markt um Batterien für Photos zu besorgen und noch ein paar Flyer loszuwerden (weitestgehend erfolglos - fast jeder hatte das Hexentreyben schon fix eingeplant) und los gings. Mit flottestem Schritt Finja, die obgleich hochschwanger nicht nur die schärfste Zunge sondern auch die beste Kondition ihr eigen zu nennen schien.
Nicht weit bis zum Hedwigsbründl, und dann ging's hinauf auf den Hügel. Ganz schön steil. Oskar zog brav und es war alles andere als leicht mit ihm Schritt zu halten. Bis zur Zwei- Drittelmarke war Oskar guter Dinge und führte leichten Schrittes während seine zweibeinigen Kameraden nach der Hälfte des Anstiegs anfingen nach Luft und moralischem Antrieb zu schnappen, wo erstere nicht mehr genügte.
Gefährliche Bremsarbeit
Schließlich doch oben angekommen war allen die Puste ausgegangen. Erst ein kleines Hügelchen und die großen Brocken noch vor uns... das konnte ja heiter werden.
Nachdem neuer Atem geschöpft war zogen wir weiter die Perger Landstraße hinauf, um bald Richtung Naarntal abzubiegen. Die Straße zog sich durch Kornblumen und Weizen anfangs in einer leichten
Steigung, die noch mit der Bremse alleine zu bewältigen war, hinunter, dann ging es jedoch steil bergab und Muskelkraft musste bremsen, was auch die gummibesetzten Bremsbacken nicht halten konnten.
So arbeiteten wir uns fast drei Kilometer ins Tal hinunter, denn jedes Mal wenn einer von uns kurz aufhört sich den 500 kg des Wagens entgegen zu stemmen, begann dieser von hinten auf Oskar
aufzulaufen, der mit seinen eisenbeschlagenen Hufen wenig Chance hatte, sich auf dem schottrigen Asphalt der steilen Straße wirksam entgegen zu stemmen.
In früheren Zeiten musste dies lebensgefährlich gewesen sein. Der Gedanke selbst unser eher leichtes Gefährt über eine Steigung wie diese ohne modernes Schuhwerk und nur mit Holz zum Bremsen der Räder hinunter zu bringen konnte einem einen Schauer über den Rücken jagen.
Laaange Steigung, 1 PS zu wenig
Schließlich langten wir - wie sich zeigen sollte inzwischen auch mit kräftigem Muskelkater in Oberschenkeln und Armen - am Talgrund an, wo uns Jürgen und Connies Vater schon erwarteten. Nun musste die Entscheidung fallen, ob Oskar der lange Aufstieg zuzumuten war. Nein, meinte Jürgen, selbst mit zwei gut trainierten Pferden würde er zögern. Eines allein konnte eine solch lange Steigung ohne Pause nicht schaffen, nicht einmal mit einer modernen Kutsche, deren rollgelagerte Räder deutlich leichter zu ziehen wären als bei unserem schönen Stück.
Stattdessen würden wir den Wagen hinter sein Auto spannen, Jakob würde im offenen Kofferraum sitzend mit den Ansen lenken, der Rest der Mannschaft in der Kutsche sitzend die Aussicht genießen und Connie hoch zu Ross, würde mit Oskar reitend hinterherkommen.
Gesagt getan. Die ganze Konstruktion war aber tatsächlich weniger lebensgefährlich als der geschätzte Leser sich jetzt ausmalen wird - die Schwierigkeit bestand hauptsächlich darin, beim Anfahren und Bremsen allzu heftige Rucke abzufedern, die unserem ehrwürdigen Gefährt sicher nicht gut getan hätten. So brausten wir nach kurzem Umladen den Berg hinauf mit unglaublichen 30 km/h, was für Oskar einem bequemen Trab gleichkam. Anstatt so mehrere Stunden Schwerarbeit zu vollbringen standen wir nach etwa einer Viertelstunde kurz vor der Ortseinfahrt von Rechberg und konnten nachdem der jetzt gut müde Oskar wieder angeschirrt war, die letzten Kilometer unserer Reise antreten.
Der letzte Hügel
Die Steigung bis zum Parkplatz unterhalb des Festgeländes war ein harter Brocken, steil aber erfreulicherweise nicht so lang, so konnten wir und vor allem Oskar für den letzten Anstieg bis zum Hof noch einmal Kraft tanken. Eine halbe Stunde Pause tat hier Wunder, nicht zuletzt Finjias Rücken, in dem sich die Schwangerschaft jetzt doch bemerkbar machte.
Die letzte steile Hürde war ein Kraftakt, der allen Wanderern ins Gesicht geschrieben stand. Oskar musste in einem Zug nach oben ziehen, stehen zu bleiben und auf der Schräge wieder anzufahren wäre zu anstrengend gewesen. Der letzte Schwung, die letzten paar Meter nach über 80 Kilometern und fünf Tagen gemeinsamen Ziehens war seltsam.
Das Ende der Zeitreise
All diese Menschen, die erst zum Hexentreyben kamen, deren Fest erst vor ihnen lag. Dazwischen wir, nach beinahe einer Woche müde, abgekämpft, mit zahlreichen Muskelkatern, nach gefällten Bäumen, überwundenen Wäldern und durchwanderten Sümpfen, eigentlich noch nicht am Ende der Reise angelangt.
Aber irgendwie auch schon. Die letzten Schritte, jetzt in Menschenmenge, mit Besuchern, Händlern, Darstellern zum Hof waren gut, sehr gut, vor allem das kalte Bier danach, aber das Gefühl glich wohl ein bisschen dem, was ein mittelalterlicher Europäer empfunden haben mochte wenn er Shiraz, Damaskus oder Byzanz zum ersten Mal betrat.
Die Leute um uns waren hektisch, schnell, es waren Dinge zu tun und zu erledigen, eigentlich um einen halben Schritt zu schnell für unsere entschleunigte Gemeinschaft.
Wir hatten unsere Seelen hierher getragen!
Wir waren wohl wieder angekommen in einer Schleusenzone zu dieser Wirklichkeit, aus der wir uns weiter entfernt zu haben schienen als uns allen bewusst gewesen war. Zum anderen waren wir anders gereist als viele der Besucher, die wohl ausgeruhter, aber dennoch weniger angekommen schienen als wir selbst.
Die Seele reist ja langsamer als ein Auto und so bleibt sie zurück und muss erst dahin finden wo der Mensch schon ist. Wir hingegen hatten unsere Seelen Schritt für Schritt hierher getragen.
Man mag's nicht glauben: Man sieht den Unterschied.