Tagebuch einer Zeitreise
Tag 2, Mitwoch 01. Juli
Die rosenfingrige Eos hatte noch nicht das Firmament erleuchtet, als etwas anderes ebenfalls noch nicht geschehen war, früh morgens im Freibad in Reichenthal.
Und zwar war die Erkenntnis, dass unklug ist die Aufmerksamkeit höherer Mächte durch Frechheit auf sich zu lenken. So geschehen ebenda durch den Vergleich unserer kleinen Reiseunternehmung mit der
Odysee. Was nämlich als familientauglicher Wandertag begonnen hat, endete mit etwas, das an die Expeditionen Livingstones oder Hedins mehr erinnerte als an die musikalisch-mittelalterliche
Unternehmung, die geplant gewesen war.
Freibad, Kaffee und Spaziergang
Aber, um einmal andere Weltliteratur - in diesem Falle „Asterix und die Lorbeeren des Caesar" - zu zitieren, drehen wir die Zeit etwas zurück (latürnich).
So begann also, von der rosenfingrigen Eos berührt, der Tag der Mannschaft mit Ham and Eggs, einem erfrischenden Schwumm im Freibad und Kaffee, gefolgt von einem gemütlichen, schönen und
goethetauglichen Spaziergang von Reichenthal nach Summerau. Schöne Landschaft. Schönes Wetter. Schöne Leute (wir sprechen hier vom Blick des Autors auf seine Umwelt wohlgermerkt). Schöne Photos. Sehr
fein.
Bremsen-Tuning
Natürlich sollte uns das nur in Sicherheit wiegen, jedem Wanderer oder Radler sei die Strecke jedoch herzlich empfohlen. Die ersten Wolken am bis dahin heiteren Wanderhimmel waren die Bremsen unseres Gefährts. Kaum Bremswirkung durch Holzbremsbacken auf den Eisenreifen der Räder. Folglich musste sich unser zunehmend irritierter Hombre dem Gewicht des Wagens allein entgegenstemmen, eine ausgesprochen gefährliche Situation, da Pferde von Natur aus auf Vortrieb, nicht auf Bremswirkung optimiert sind und dadurch erhebliche Sturzgefahr entsteht.
Um diese von unserem Begleiter abzuwenden hing bald die ganze Mannschaft an der Kutsche und bremste, dass Fred Feuerstein seine Freude gehabt hätte. Die Bremsung war erfolgreich und wir erreichten leicht angestrengt aber durchaus erfolgreich den Talgrund von Summerau. Der Plan wäre nun gewesen weiterzugehen, aber um dem Bremsendesaster gleich im Ansatz zu begegnen beschlossen wir, uns auf die Suche nach einem Reifen-, Automobil- oder Landmaschinenhändler zu machen, der uns zum Zwecke der Bremskraftverstärkung ein Stück Autoreifen überlassen würde.
Weder das eine noch das andere haben wir gefunden, dafür aber einige Summerauer, die nicht nur trinkbaren Beistand leisteten sondern auch in der Gegend herumtelephonierten, um uns einen alten Autoreifen zu organisieren, der uns zum Gasthaus des Ortes gebracht wurde. Umbauarbeiten, tatkräftige Unterstützung von diversen Anwohnern mit Werkzeug, erfolgreiche Installation der verbesserten Bremsen. Außerdem reicher um neun Zehntel eines Autoreifens. Niemand kann sagen, dass Fußmärsche nicht ihre skurrilen Momente haben.
Die Frage nach dem Weg
So zogen wir aus aus dem freundlichen Summerau, und nun näherte der Charakter der Reise in Riesenschritten dem literarischen Pendent, einige gutmeinende Anwohner sandten uns nämlich entlang des „Pferdeeisenbahn Wanderweges". Und so nahm das Schicksal seinen Lauf, die geplante Reisezeit nach Freistadt war nämlich eineinhalb, vielleicht zwei Stunden, zahlreich bestätigt von diversen Anwohnern. Bis zur schickalsträchtigen Frage des Autors nach dem weiteren Weg, der in der erwähnten Antwort resultierte.
Von dort weg ging es abwärts. Als erstes unmittelbar, ein steiler Hang, der uns dann noch durchaus Recht war, um unsere neuen Bremsen einem live Test zu unterziehen. Was folgte war erst Idylle pur: Ein kleines, bewaldetes Tal, Feuchtwiesen, ein Weizenfeld, um das der Weg führte.Erste Steine, in tieferen Wannen kleine Teiche. Gesamtcharakter: zunehmend sumpfig.
Sodann zieht der Weg nach rechts hinauf, ein selten befahrener Feldweg rechts entlang eines kleinen Flüsschens eine kurze Steigung hinan, um bald nach links in ein Wäldchen hineinzuführen. Hier Wurzeln, Steine, wenig geheuer, vor allem da das Flüsschen linkerhand jetzt bedrohlich nahe kommt. Durchaus vorstellbar, dass Wagen und Pferd hier einen schnellen Abgang machen. Hombre begann Unwillen zu zeigen, da es ausgesprochen anstrengend schien den Wagen über die jeweiligen Hindernisse zu wuchten, selbst wenn die Wandermannschaft kräftig anschob um zu helfen
Pferdegeschirr-Pannen
Wieder steht der Wagen an einer kräftigen Wurzel, Hombre wirft sich ins Geschirr, es kracht - ein Gurt des Schulterträgers ist gebrochen. Nicht so tragisch, meinte Jürgen, es sind ja zwei davon auf jeder Seite. Also weiter. Hombre zieht an, ein Krachen, zweiter Riemen, der Brustgurt fäll und mit ihm ums Haar Hombre. Keine Chance als das Geschirr notdürftig zu reparieren. Als mittelalterlicher Reisender hat man ja Spagat und Werkzeug immer dabei, Messer gabs auch genug. Nur Ahle und Lederwerkzeug waren mit den anderen Handwerkssachen beim „wilden Wikinger", unserer mobilen Taverne, geblieben.
Eine schnelle Reparatur und weiter gings, weniger Wurzeln jetzt aber immer noch reichlich Felsen. Mit vereinten Kräften schafften wir's auch aus diesem Wäldchen, über eine Wiese, dann links über Brücke und Fluss. Es folgt ein kurzer, steiler Hohlweg in den Wald auf der linken Seite des Tales, wo der Wanderweg weiterverlief. Ein Angstgegner. Dunkel, eng - unser unerschrockener Vierbeiner schien die Sache mit unerschrocken kurz vergessen zu haben und es bedurfte einiger Überredung um hier in Schwung zu kommen.
Vergeblich, denn auf halber Höhe der Steigung brach ein weiterer Schulterriemen. Nach der notdürftigen Reparatur brach die erste Reparatur. Erst der Einsatz einer Hundeleine als zusätzliches Gurtsystem führte zum Erfolg, mit heftigem Hin- und Herspringen, dann aber doch bewältigten wir den Rest des Hohlweges. Nun ein Schwenk nach rechts, ein netter Fahrweg, keine Wurzeln, keine Steine - wunderbar.
Das Baum-Hindernis
Keinen halben Kilometer weiter war in den heftigen Regenfällen der letzten Tage eine große Weide umgefallen und hatte eine zweite, etwas kleinere, mitgerissen. Beide lagen quer über den Weg.
Unüberwindbar. Wenn man keine Axt dabei hat.
Wir sind mittelalterliche Wanderer, natürlich haben wir eine Axt dabei.
Eine dreiviertel Stunde später waren die Bäume vom Weg geschafft und es konnte weitergehen, nur hatte Hombre dem ganzen mit kritischem Blick zugesehen und dachte nicht daran zwischen den Baumresten
durchzugehen. Es setzte sich mitsamt der Kutsche rückwärts in Bewegung, nur die schnelle Bremsarbeit von Raban und Jürgen verhinderte, dass der Wagen und Pferd rücklinks im Fluss landeten.
Die einzige Lösung war auszuspannen und den Wagen von Menschenhand durch die Engstelle zu manövrieren. Gesagt getan, mit viel Ächzen aber auch viel Schwung schoben und zogen wir das Gefährt an den furchterregenden Baumstümpfen vorbei. Pferd wieder angespannt und weiter gings. Idylle im Sonnenschein, das Wasser rauschte, der Wagen rumpelt und wir begannen ernsthaft zu hoffen, dass wir bald da wären. Zwei Kilometer weiter - kein Hindernis diesmal, dafür wandet sich der beschilderte Weg nach rechts über ein Fußgängerbrückchen, dahinter ein Schranken quer über den Weg. Neben der Brücke eine in Stein gefasste Furt. Unüberwindbar für den Wagen. Also weiter auf dem Uferweg Richtung Süden.
Am Ende der Kräfte
Jetzt wurde es richtig sumpfig, große Lacken, kleine Frösche, aber es ging flott dahin. Ein weiterer Kilometer. Dann noch einer. Dann eine Steigung, Sumpf vorbei, dafür erneut Steine, schwieriges Gelände für Pferd und Wagen. Ein weiteres mal riss der behelfsmäßige Schultergurt, wurde repariert. So kämpfen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes mit einem inzwischen erschöpften Pferd auf die halbe Höhe des Hanges. Dort war dann nichts mehr zu machen, Hombre konnte nicht mehr weiterziehen. Von dem linkerhand über einen Kilometer weit steil berganführenden Weg zweigte rechts ein kleiner Seitenweg ab.
Die Steigung des Hauptweges war nicht zu schaffen. Umzukehren längst keine Option mehr. Also mussten wir den Weg rechts versuchen. Nur war die Abzweigung keine Abzweigung - der andere Weg endete blind einige Meter neben dem Hauptweg, wir würden den Wagen über eine Kante auf einen schrägen Hang bringen müssen, dort nach links drehen und dann vielleicht 30 Meter bis zum anderen Weg hinaufziehen. Ein kleiner Fehler irgendwo in diesem Manöver und der Wagen würde umstürzen und weiter unten im Wald liegenbleiben.
Mit Hombre in seinem Erschöpfungszustand zu gefährlich. Also wurde er ausgespannt und voraus geführt und wir zogen und schoben den Wagen die letzte Steigung vor unserer „Abzweigung" hinauf, über die Kante hinunter und zu dem anderen Weg hinauf ohne den Wagen umzustürzen.
Für uns alle war das das Ende unserer Kraft. Aber wir mussten weiter.
Pferd eingespannt, weitergegangen. Der Weg ging in einen dicht bewachsenen Feldweg über. Hier schaffte der Langsax etwas Luft, der erschöpfte Hombre wäre sonst nicht zu bewegen gewesen
weiterzugehen. Ein abschüssiges Wegstück später fanden wir uns auf einem freundlichen, gepflegten Bauernhof wieder, von wo weg wir ebenso gepflegte Schotterstrassen vorfanden...
Das war gut so, wir hätten kein weiteres Hindernis mehr zu überwinden vermocht.
Eine weitere Stunde
Wanderer und Radfahrer wiesen uns den Weg, nocheinmal eine Stunde war zu gehen bis wir Freistadt zu Gesicht bekommen sollten. Nach der Tortur des Nachmittages war der Marsch auf festen Straßen beinahe erholsam, auch wenn wir kaum mehr gehen konnten, auch unser braves Pferd ging und ging ohne Beschwerde, bis wir erst St.Peter, dann Freistadt erreicht hatten.
Nach einem kalten Bier in der Taverne zum „wilden Wikinger" und einer heißen Dusche war es nur mehr möglich ins Bett zu fallen, was dann das Ende des Tages bedeutete.
Überwundene Gefahren ergeben ja lustige Anekdoten, wie sie an der Länge dieses Berichtes leicht ersehen lässt. Von diesem Tag hier werden wir noch lange reden. Hüten wird sich der Autor hinfort aber, mit literarischen Vergleichen solche Erlebnisse heraufzubeschwören.
Morgen geht der Weg über Kefermarkt nach Gutau. Nette, einfache Straßen, haben wir uns geschworen. Und keine Experimente.